Rituale in unserem Leben

Warum sind Rituale auch in unserer heutigen Zeit so bedeutungsvoll? Wie können sie uns helfen, mehr Achtsamkeit in unser tägliches Leben zu bringen? In diesem Artikel möchte ich dich einladen, dass du dir über die Wichtigkeit von Ritualen bewusst wirst und es soll dich motivieren, regelmäßig Rituale in deinen Alltag zu einzubauen.

Was sind Rituale?

Rituale sind so alt wie die Menschheit selbst. Es sind Handlungen mit hoher Bedeutungskraft, meist haben sie einen feierlichen, zeremoniellen Charakter und laufen nach einem formellen Muster ab. Rituale können helfen Gemeinschaften zu stärken, sie können aber auch alleine durchgeführt werden. Wir finden Rituale zu bestimmten Anlässen im Leben eines Menschen, zur Feier und Ehrung von Rhythmen und Zyklen der Natur und zur Rückverbindung mit dem größeren Ganzen. Manchmal sind Rituale zweckgebunden und wir wünschen uns ein bestimmtes Resultat als Folge unserer rituellen Handlungen. Die Zeit des Rituals kann allerdings auch zur Besinnung und Kontemplation genutzt werden.

Geschichte und Kontext von Ritualen

Rituale können an Gesellschaftsgruppen, an Religionen oder an Familien gebunden sein und helfen, Identitäten innerhalb dieser Gruppen zu stärken. Wir finden Rituale in den Kulturen aller Kontinente, sie sind Teil der Geschichte und Kultur von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, sowohl im religiösen als auch im säkularen Zusammenhang.

Manche Rituale sind für unser Empfinden vielleicht eher skurril, zum Beispiel das Feilen der Zähne von Jugendlichen in der balinesischen Hindu-Tradition, was den Übergang zum Erwachsenenleben markiert und dabei helfen soll, niedere egoistische Triebe in die Schranken zu verweisen.

Rituale in unserer westlichen Gesellschaft werden heute leider vermehrt als Brauchtum abgetan. Sie verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung auch dadurch, dass sich unsere Lebensweise im letzten Jahrhundert enorm verändert hat. Der Maibaum zum Beispiel steht als Zeichen des Lebens für Wachstum, Fruchtbarkeit und Standhaftigkeit. Er wurde vor Jahrhunderten als Symbol aufgestellt, um für die Fruchtbarkeit der Landwirtschaft zu bitten und um Unheil wie Ungeziefer und Unwetter abzuwenden.

Warum sind Rituale so und wie können wir sie nutzen?

Wir können Rituale als Aberglaube oder überholte Bräuche abtun. Jedoch gerade in unserer westlichen, säkular geprägten Welt ist es umso wichtiger, dass wir unsere Haltung zu Ritualen neu definieren. Menschen nutzen Rituale für ganz verschiedene Zwecke: um Selbstvertrauen zu stärken, Trauer zu lindern oder Höchstleistungen zu erbringen. Selbst die Wissenschaft belegt, dass Rituale unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen beeinflussen können.

Rituale können uns Sicherheit, Verlässlichkeit und Struktur geben. Sie können uns mit unseren Wurzeln rückverbinden und uns Orientierung für unseren Lebensweg geben. Sie helfen uns auch dabei, uns wieder mit den Zyklen der Natur verbinden und uns in eine höhere Ordnung einbinden. Wir können mithilfe von Ritualen den Zugang zu unserer eigenen Quelle finden und sie als Kraftspender für den Alltag nutzen.

Wenn wir die natürlichen Rhythmen und Zyklen der Natur und unseres Lebens ehren, kann uns das helfen, die Verbindung aller Dinge bewusster zu spüren. Wir spüren sowohl unsere eigene Lebendigkeit, als auch die Vergänglichkeit des Lebens. Die Zeit der Rituale kann eine bewusste Distanz vom alltäglichen Gewahrsein darstellen und einen heiligen, feierlichen Raum schaffen in dem wir das ehren, was uns wichtig und bedeutungsvoll erscheint.

Rituale bewegen, berühren und motivieren uns. Wir drücken uns durch Rituale in Freude und Kummer aus. Sie schaffen Identität, sowohl unsere persönliche als auch die einer Gemeinschaft. Wir können sie als Selbsthilfe für unser geistiges, emotionales und spirituelles Wohlbefinden nutzen.

Dabei können wir alte Rituale an unser heutiges Leben anpassen oder neu Rituale erfinden. Wir können sie dazu nutzen um besser zu schlafen, um uns zu erden, Altes loszulassen, unsere gewünschten Ziele zu erreichen oder um einen Ruhepunkt im Chaos des Lebens zu setzen. Wichtig ist dabei die persönliche Bedeutung, die wir dem jeweiligen Ritual beimessen.

In der wiederholten Durchführung eines Rituals erleben einen erhöhten Fokus und die Rückkehr zu etwas Vertrautem in Mitten von Wandel und Veränderung. Das bewusste Erleben eines Rituals schenkt uns die Möglichkeit präsent im gegenwärtigen Moment zu bleiben und unser Bewusstsein über das alltägliche Denken hinaus zu erweitern. Wir transzendieren dabei den Intellekt und verbinden uns mehr und mehr mit unserem authentischen Sein, unserer innewohnenden Weisheit und Intuition.

Rituale als spirituelle Praxis

Rituale sind feste Bestandteile von verschiedensten Glaubensrichtungen, sei es die Mantra Rezitation mit einer Malakette im Hinduismus oder das Rosenkranzgebet der katholischen Kirche, Gesänge von gregorianischen Mönchen, tanzende Derwische der Sufi-Tradition oder Trance-Tänze von afrikanischen Stämmen. Alle diese Rituale haben einen gemeinsamen Zweck: das Bewusstsein zu erweitern, um sich mit dem Göttlichen zu verbinden, mit der Quelle der Schöpfung. Rituale dienen als Brücke zwischen dem Weltlichen und dem Heiligen, zwischen der inneren und äußeren Welt.

In der rituellen spirituellen Praxis fügen wir uns bewusst in eine höhere Ordnung ein. Allerdings sind es auch die kontemplativen Zeiten des Rituals, die uns helfen herauszufinden ob der Weg, den wir gewählt haben der Richtige für uns ist. Es ist sowohl eine Zeit der Hingabe an das Göttliche und an den Fluss des Lebens, auf der anderen Seite ist es auch eine Bestätigung unserer Individualität und dem Seelenanteil in uns, der nach authentischem Ausdruck und Erfüllung in dieser Welt sucht.

Wie mich Rituale in meinem Leben begleitet haben

In meiner Kindheit erlebte ich zwar zahlreiche Rituale sowohl in der Kirche als auch in unserer Familie und in der Dorfgemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin. Jedoch waren es eher Traditionen denen man zu folgen hatte und empfand ich diese meistens sogar als ziemlich lästig, denn ich hatte innerlich keinen wirklichen Bezug zu den Ritualen aufgebaut.

Ich erinnere mich daran, wie ungern ich abends das Vaterunser mit meiner Oma gebetet habe, wie ich es als Zwang empfand regelmäßig in die Kirche zu gehen oder das Trachten-Jäckchen unserer Musikkapelle anzuziehen. Die Bräuche der Dorfgemeinschaft empfand ich als ziemlich altertümlich, auch wenn ich es zugegebenermaßen schön fand, dass es mehrmals im Jahr Anlässe zum Feiern gab. Da gab es Feste zur Weinlese und zur Ernte oder das Scheibenschlagen nach Fastnacht, wo das ganze Dorf auf den Beinen war.

Als Jugendliche habe ich mich jedoch recht schnell von diesen Ritualen abgewendet und mich in Richtung Stadt orientiert – weg vom Dorf, vom Dialekt, von Zwängen der Tradition hin zu der Suche nach neuen Gemeinschaften in denen ich mich zugehörig fühlen wollte und zu Orten an denen ich meinen Horizont allmählich erweitern konnte.

Nach Jahren der Abkehr von Kirche und Spiritualität habe ich erst durch meine Yogapraxis die Schönheit von Ritualen wieder neu entdeckt. Heute begleiten mich Rituale fast täglich und sind Teil meiner spirituellen Praxis. Für mich bedeuten Rituale eine Zeit der Einkehr, Bewusstwerdung und Verbindung mit dem Göttlichen. Sie sind für mich ein unverzichtbares Mittel, um Spiritualität in den Alltag zu bringen und mich immer wieder an das größere Ganze zu erinnern.

Das Leben im Ausland und der Kontakt mit verschiedenen Kulturen hat mir Rituale aus ganz verschiedenen Traditionen nähergebracht, zum Beispiel Cacao-Zeremonien, die rituelle Reinigung in einem Wasser-Tempel auf Bali, Energieklärung durch Räuchern und Mantra-Rezitation. In diesem Sinne bin ich sehr dankbar für die Globalisierung, die uns ermöglicht, den kulturellen und rituellen Schatz verschiedenster Kulturen kennen zu lernen und zu erproben, welche Praktiken für uns persönlich hilfreich, kraft- und sinnspendend sind.

Wie kannst du deine eigenen Rituale kreieren?

Rituale bekommen ihren Charakter durch die individuelle Bedeutung, die wir ihnen geben. Während tägliche Handlungen wie Zähneputzen eher als Gewohnheiten zu bezeichnen sind, können wir auch aus alltäglichen Handlungen ein Ritual machen, wie zum Beispiel die Zubereitung und dein Genuss einer Tasse Tee.

Wie wäre es, wenn du dir morgens ganz bewusst Zeit nimmst für ein kleines Ritual? Vielleicht möchtest du den Beginn des Tages ganz entspannt mit einer Tasse Tee zelebrieren? Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um den Tee ganz bewusst zu genießen und dich auf den heutigen Tag einzustimmen. Du kannst dein ganz eigenes Morgen-Ritual kreieren, vielleicht auch mit Tagebuch schreiben, mit eine kurzen Yogasequenz oder einer Meditation. Erlaube dir Momente der Stille um dir bewusst darüber zu werden, wie es dir gerade geht, was dir heute wichtig ist und worauf du dich fokussieren möchtest. Achte dabei darauf, dass das Ritual gut in deinen Alltag einzubauen ist und es Handlungen sind, die du bewusst ausführst, die du gerne tust und die bedeutungsvoll für dich sind.

Für mich persönlich sind regelmäßige Rituale zur Energie-Reinigung sehr wichtig für mein Wohlbefinden. Weißer Salbei, Palo Santo Holz, oder das Räuchern mit Harzen wie Myrrhe oder Weihrauch eignen sich dabei sehr gut als Selbsthilfe, um negative Energien loszulassen und Räume zu klären. Diese Energieklärung kannst du sehr gut am Ende eines Tages ausführen, um dich auf einen entspannten Abend und auf einen erholsamen Schlaf einzustimmen.

Rituale zum Neumond, Vollmond und zur Sonnenwende sind wunderschön, um uns mit den Zyklen der Natur und des Kosmos zu verbinden. Werde kreativ und finde Rituale aus verschiedenen Traditionen, die sich für dich stimmig anfühlen. Vielleicht hast du Edelsteine, die du im Licht des Vollmondes aufladen kannst. Vielleicht möchtest du dich an Neumond mit einem Tagebuch hinsetzen und aufschreiben, was du in den nächsten Wochen in dein Leben einladen möchtest, was deine Ziele und Wünsche für den nächsten Zyklus sind.  

Der Jahreswechsel ist für mich immer ein ganz besonderer Anlass um Rituale zu zelebrieren. Anstatt mit Alkohol und Party zu feiern ist mit mittlerweile eher danach, den Abend ruhig und bewusst zu verbringen. Letztes Jahr an Silvester habe ich eine kleine Zeremonie mit Freunden veranstaltet, wo wir symbolisch das Alte verbrannt haben und uns mit Visualisierungen und Gebeten auf das neue Jahr eingestimmt haben. Das fühlte sich wunderbar an und hat noch lange nachgewirkt. Gemeinschaftliche Rituale können uns helfen, uns echt und authentisch mitzuteilen, Verbindung und Vertrauen zu stärken und noch mehr Tiefe in Meditation zu bringen und die Kraft der rituellen Handlungen zu verstärken.

Lasse deiner Kreativität und Intuition freien Lauf, um Rituale in dein Leben einzubauen.
Hast du Fragen oder Feedback? Ich freue mich über eine Nachricht von dir.

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