Die Kunst der Pause

Die letzten Monate haben weltweit einige Herausforderungen mit sich gebracht. Ich glaube es gibt kaum jemanden, dessen Leben nicht von den Geschehnissen dieses Jahres durcheinandergewirbelt wurde. Konntest du dennoch auch einen positiven Nutzen aus der Corona-Situation ziehen? Vielleicht hast du während des Lockdowns neue Gewohnheiten entwickelt, um herunterzufahren und zu reflektieren. Gibt es einen Teil in dir, der über mehr Ruhe und Entschleunigung dankbar war? Rechtzeitig Pause zu machen ist so wichtig für unser körperliches und mentales Wohlbefinden. Das ist vielen von uns erst jetzt so richtig deutlich geworden. Mit diesem Artikel möchte ich dich dazu einladen, regelmäßige Pausen zu machen, auch wenn dein Leben inzwischen vielleicht wieder etwas hektischer geworden ist.

Geschäftiges Treiben

Viele von uns waren so daran gewöhnt beschäftigt und auf Achse zu sein, immer mit der Frage „Was gib’s als Nächstes zu tun?“ im Anschlag. Kennst du das Gefühl, dass du von einer Aufgabe und Tätigkeit zur nächsten hetzt, krampfhaft versuchst dein Leben zu kontrollieren, alles zu organisieren, planen und überdenken? Wie oft isst du im Stehen, hast dein Handy ständig in der Hand und hältst dich von früh bis spät auf Trab?

Unsere Gesellschaft legt viel Wert darauf, dass wir etwas schaffen, produktiv sind und es zu etwas bringen. In solch einer Kultur fühlen wir uns ganz schnell faul, unproduktiv und denken dass wir Zeit vergeuden, wenn wir eine Pause machen und uns ausruhen. Unser Körper und Geist arbeitet allerdings nur dann optimal, wenn sich die Phasen von Aktivität und Ruhe abwechseln. Wenn wir uns nicht genügend Zeit für Pausen nehmen, riskieren wir, dass unsere Sinne überstimuliert werden und wir uns überwältigt, gestresst und ausgelaugt fühlen.

In den Monaten des Lockdowns waren viele von uns dazu gezwungen, das Leben langsamer als sonst anzugehen. Vielleicht hast du dich ausgebremst gefühlt und warst frustriert darüber, dass du nicht all das machen konntest, was du wolltest. Vielen von uns ist allerdings auch klar geworden, dass die Kunst des „Seins“ in unserem bisherigen Alltag inmitten des gescdhäftigen Treibens oft vernachlässigt wurde. Ja, es kann unangenehm sein, still zu werden und sich allen Gefühlen zu stellen. Das ist etwas, was wir sonst gerne vermeiden. Inmitten der Stille und Ruhe liegen jedoch wunderbare Geschenke, die wir sonst in der Hektik des Alltags leicht übersehen.

Warum sind regelmäßige Pausen und Entspannung so wichtig?

Wenn wir ständig aktiv sind, wenn wir nur „im Kopf“ sind und grübeln, uns gestresst und ängstlich fühlen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass unser sympathisches Nervensystem überaktiv ist und Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin unser System überfluten. Der sogenannte „Kampf oder Flucht“-Modus kann zu Ungleichgewichten und Krankheiten in unserem Körper führen, wenn er länger andauert. Unser Körper braucht Zeit für die Phasen der Ruhe und Verdauung, in denen das parasympathische Nervensystem ausreichend aktiv ist. Neben einem guten nächtlichen Schlaf ist es auch tagsüber wichtig, dem Körper genügend Entspannung zu geben, um sich zu erholen, zu verdauen, Zellen zu regenerieren, zu entgiften und zu heilen. Nicht nur unser Körper benötigt diese Pausen, sondern auch unser Geist, damit er alle unsere Erfahrungen und Eindrücke verarbeiten und integrieren kann.

Die heilige Kunst der Pause

Wenn wir uns wirklich erlauben eine Pause zu machen, lassen wir alles Tun los, lassen alle unsere Absichten beiseite und treten aus dem geschäftigen Hamsterrad bewusst aus. Um die Kunst der Pause zu meistern, müssen wir lernen unsere Achtsamkeit in den gegenwärtigen Moment zu bringen und die Ruhe wertzuschätzen. Somit werden die Zeiten der Stille und Einkehr zu etwas heiligem, in denen wir uns zum Beispiel der Meditation oder Kontemplation widmen, um unseren Geist zur Ruhe zu bringen. Die Aktivitäten des Geistes können sich beruhigen, ähnlcih wie Sand in einem Wasserglas langsam zu Boden sinkt, wenn man das Gefäß nicht schüttelt, sondern eine Weile lang in Ruhe stehen lässt. Wenn wir still und präsent werden, sind wir viel mehr mit uns in Verbindung und bringen den Fokus vom Außen nach innen.

 “Something precious is lost if we rush headlong into the details of life without pausing for a moment to pay homage to the mystery of life and the gift of another day.”    

Kent Nerburn

Wie in diesem Zitat von Kent Nerburn beschrieben können wir somit dem Mysterium des Lebens auf den Grund gehen und Dankbarkeit üben für jeden Tag der uns geschenkt wird.

Hast du schon einmal die Intensität von Stille nach einem berührenden Musikstück oder im Anschluss an eine bewegende Rede erlebt? Wenn es in der Musik keine Pausen zwischen den Noten gäbe, wenn wir zwischen Wörtern keine Stille vorfinden würden, so könnten wir ihre Schönheit und Bedeutung nicht wahrnehmen. Dies ist die Kraft der Stille. Pausen bereichern unsere Erfahrung und erlauben uns die Schönheit und Besonderheit des Augenblicks zu schätzen und zu bewundern.

Was ist eine heilsame Pause?

Eine Pause zu Machen bedeutet nicht, lediglich die Arbeit beiseite zu legen, dein Handy in die Hand zu nehmen um Nachrichten zu lesen, durch deine soziale Medien zu scrollen oder dich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Eine wahrhaftige, heilsame Pause hilft dir, sowohl den Körper als auch den Geist zu beruhigen. Dies hat ganz viel mit Achtsamkeit zu tun, um ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, dich nicht ablenken zu lassen, sondern bewusst innezuhalten und alles Tun für eine Weile sein zu lassen.

Wenn du zur Ruhe kommst, bekommst du viel mehr von deinem gegenwärtigen Erleben mit, zum Beispiel all die Eindrücke deiner Sinnesorgeane, deinen Atemfluss, das Kommen und Gehen von Gedanken und Gefühlen. Und dies lässt du zu, ohne deine Erfahrung zu kontrollieren oder beeinflussen zu wollen. Somit wird der Akt der Pause du deinem Lehrer, um den gegenwärtigen Moment radikal zu akzepieren und dich dem Leben zu öffnen, auch wenn du dich in diesem Prozess vielleicht verwundbar und unsicher fühlst. Die Meditationslehrerin Tara Brach schreibt dazu: “Through the sacred art of pausing, we develop the capacity to stop hiding, to stop running away from our experience. We begin to trust in our natural intelligence, in our naturally wise heart, in our capacity to open to whatever arises.” Durch die heilige Art der Pause erlernen wir die Fähigkeit, uns nicht zu verstecken und nicht von unser Erfahrung davonzurennen. Wir beginnen unserer natürlichen Intelligenz zu vertrauen, unserem weisen Herz, unserer Fähigkeit uns all dem gegenüber zu öffenn, was zu Tage tritt.  

Wie du Pausen in deinen Alltag integrieren kannst

  • Anstatt morgens gleich aus dem Bett zu springen, bleibe noch für ein paar Augenblicke liegen. Lege deine Hände auf deinen Bauch und auf dein Herz und spüre dich. Nimm diese kostbare Zeit um ganz bei dir zu sein, bevor du dich mit der Außenwelt verbindest und aktiv wirst.
  • Wenn du spazieren gehst, setze ich zwischendurch einfach für ein paar Minuten auf eine Parkbank und erlebe bewusst die Geräuche, Farben, Texturen und Gerüche um dich herum.
  • In einem Gespräch kannst du bewusstes Zuhören üben, indem du still wirst und dir Zeit nimmst, bevor du deinem Gegenüber antwortest. Lasse Raum entstehen, bevor du das Wort ergreifst.
  • Wenn du Auto oder Fahrrad fährst, kann dir jede rote Ampel als Signal dienen um Achtsamkeit zu praktizieren und den Moment bewusst wahrzunehmen während du wartest.
  • Wenn du bei deiner Arbeit nicht weiterkommst, oder dich von zu langer Computerarbeit erschöpft fühlst, dann schließe deine Augen und nimm zehn bewusste, tiefe Atemzüge. Lass deinen Geist einfach frei „laufen“, ohne dich auf deine Arbeit zu fokussieren. Wenn du dich gedanklich eine zeitlang mit etwas anderem beschäftigst und durch bewusste Atmung mehr Sauerstoff in deinen Körper bringst, dann fließt deine Kreativität umso besser und du kannst mit mehr Frische zurück an die Arbeit gehen.
  • Für körperliche Entspannungseinheiten kannst du dich auf eine Yogamatte, auf dein Sofa oder auf dein Bett legen und beruhigende Musik anhören, zum Beispiel sogenannte Binaural Beats, die helfen deine Gehirnwellen zu verlangsamen. Auch Yoga Nidra hilft, um in kurzer Zeit deinen Körper und deinen Geist tief zu entspannen. Nach 30 Minuten angeleiteter Tiefenentspannung fühlst du dich wahrscheinlich so ausgeruht und erfrischt wie nach 2 Stunden tiefem Schlaf!
  • Praktiziere regelmäßig Yin Yoga, eine meditative Form des Yoga, bei der du die Yogaposen für mehrere Minuten in Stille hältst. Diese Art des Yoga ist besonders hilfreich, wenn du sonst dynamischere Yogastile praktizierst oder Sportarten wie Fahrradfahren oder Joggen machst.
  • Sound Healing ist eine kraftvolle Modalität, um dein Nervensystem zu beruhigen und dich auszubalancieren. Klänge von ganz verschiedenen Instrumenten, wie zum Beispiel Gongs, Klangschalen oder Saiteninstrumente helfen dir, deine Selbstheilungskräfte zu reaktivieren und mehr in Harmonie mit dir selbst und mit der Welt zu sein. Vielleicht findest du einen Klangtherapeuten in deiner Nähe oder suchst online nach einer hochwertigen Aufnahme mit beruhigenden, heilsamen Klängen. Je besser dir die Klänge bzw. die Musik gefällt, desto heilsamer wird sie für dich persönlich sein.

Pausen fördern persönliches Wachstum

Pausen sind nicht nur dazu da, um den Körper in Balance zu halten und die natürlichen Selbstheilungskräfte zu fördern. Sie können eine tägliche Praxis werden, um Präsenz und Aufmerksamkeit zu schulen, um den Geist zu klären und ihn zu beruhigen. Somit bekommst du klarere, tiefere Einsichten und kannst bessere Entscheidungen treffen. Du lernst dich selbst immer besser kennen und trittst in Kontakt mit deinem Wesenskern. Nur wenn deine eigenen Reserven gefüllt sind, kannst du dein volles Potential ausschöpfen, für dich einstehen und gleichzeitig anderen Menschen helfen. Deine Handlungen werden kraftvoller und voller Inspiration sein, da sie aus der Quelle von Ruhe und Klarheit geschöpft werden. Egal wie geschäftig sich sein Leben anfühlt, nutze diese wertvolle Möglichkeit des persönlichen Wachstums, indem du regemäßig in die Stille gehst, Pausen einlegst und wirklich zur Ruhe kommst.

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